Freitag, 4. Mai 2007

Zum Thema "Mobiler Stammtisch"

Stammtische hatten für mich schon immer stark wechselnde Bedeutungen. Auf der einen Seite waren sie ein Symbol der Flucht vor Arbeitstristesse und das Zeichen getränkehaltiger Freundschaft und des Zusammenhaltens gegen die schnöde Welt. Es gab zum Beispiel einen Stammtisch der „Literatur der Arbeitswelt“, genauso wie es auch heute noch Künstlerstammtische und ähnliche Fragwürdigkeiten gibt. Auch die Stammtischfreundschaften habe ich immer als zwiespältig empfunden. Die Leute, mit denen man zum Stammtisch geht, sind ja meist richtige und nützliche Freunde, diejenigen, mit denen man am Stammtisch selber Freundschaft schließt, sind es nicht immer. Aber dafür mag man sich sehr.

Ja man kann es sich nicht vorstellen, aber Stammtische waren in meiner Jugend auch Tische der Veränderung und des Kampfes! Zum Beispiel hatte ein Norweger namens Olav bei den Nürnberger Nachrichten einmal eine Annonce aufgegeben, auf die hin in fast allen Lokalen in Nürnberg sich nördliche Stammtische, also Stammtische von Norwegern, Schweden und Dänen bildeten. Das war die Zeit, wo es noch den Kupplungsparagraphen und die Bader-Meinhoff Gruppe gab.

Auch mit einem schwedischen Stammtisch versuchten wir es. Das Interessante unseres schwedischen Stammtisches war, dass wir einen ständigen Kampf gegen das Rauchen führten. Denn damals war natürlich jede deutsche Kneipe eine Art düstere Dunstzone. Die Gefahr, die vom Rauchen ausging, wurde bei uns von einigen mit einer Art religiösem Fanatismus betrieben und endlich hatten wir auch eine rauchfreie Zone gefunden, ein düsteres Lokal in dem trotz viel Licht und starker elektrischer Lampen garantiert keine Stimmung aufkam. Ach - wenn wir damals schon einen mobilen Stammtisch gehabt hätten – denke ich heute manchmal.

Viele Dinge gäbe es außerdem gegen feste Stammtische einzuwenden. Etwa die Getränkefrage. Da wäre das Lieblingsbier, das der Wirt des Stammtischlokals nicht führt oder die Gefahr, dass Ruhetage des passenden Wirtes mit dem passenden Bieres auf die Stammtischtage der weiblichen oder männlichen Stammtischbrüder fallen würden, usw.

Überhaupt ist der Stammtisch eine Art Symbol des Durchhaltens in schwerer Zeit und die Stammtischbrüder (wobei ich die weiblichen Brüder einschließe, ohne sie nun direkt als Stammtischschwestern bezeichnen zu wollen, denn das wäre wieder diskriminierend und würde am Ende den Stammtisch als zu männlich selber in Frage stellen) – und die Stammtischbrüder, sagte ich, trösten sich am Stammtisch eigentlich ja nur darüber, dass in der Welt nichts mehr sicher ist – nicht einmal mehr der Stammtisch, weswegen in einer mobilen Zeit, in der die rauchfreien Zonen sich ausweiten und die Lieblingsbiere ständig wechseln, so wie die Stammtischtermine und die Stammtischbrüder auch, eben der Stammtisch selber sozusagen mithalten muß.

Um den Stammtisch also zu retten, habe ich ihn mobil konstruiert. Der mobile Stammtisch entspricht unserer Zeit besser als der feste, denn in ihm kann die Festigkeit und Standhaftigkeit gegen die sich verändernde Welt an jeder beliebigen Stelle durchgeführt werden. Ja, feststehende Stammtische nehmen sich gegenüber dem mobilen Stammtisch sogar als gewissermaßen reaktionär und zurückgeblieben aus. Man stelle sich altgewordene Stammtischbrüder vor, die die neuen Entwicklungen nicht mehr wahrnehmen und immer wieder in die gleiche Kneipe zum gleichen Tisch laufen. Hier, an meinem mobilen Stammtisch, der sozusagen an jeden Ort bestellt werden kann, wird dagegen die neue Zeit symbolisiert. Es ist außerdem möglich, den Stammtisch beizubehalten, obwohl er genau genommen eine völlig überholte Angelegenheit ist, denn der wahre Stammtisch ist heute natürlich das Internet, aber davon reden wir nicht am Stammtisch oder?

Text: A. Theorell/R. Knodt